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Pallas Athene

Wie steht es um die Demokratie?

Eine autoritäre Politik gewinnt wieder an Zuspruch - auch in Österreich. Bei einer aktuellen Umfrage wünschte sich die Hälfte der Befragten einen "starken Mann", ein Viertel sogar einen Diktator. Was verbirgt sich hinter dem Ruf nach einem "starken Mann"? Wo muss die Politik ansetzen, um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen? Wie steht es um die Demokratie?

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733 Beiträge

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Beiträge

Eine Vermutung

reservebuddha, 21.04. 18:18

Im Allgemeinen sehnen viele Menschen sich nach einer Regierung, in die sie Vertrauen und Zutrauen haben können. Aber wie übersetzt sich das in deren Sprache? Ist nicht die Sehnsucht nach einer handlungsfähigen, entscheidungsfähigen Regierung (mit entsprechend starken Integrationsfiguren an der Spitze) genau die Erfüllung eines Wunsches, der aus Mangel geboren ist?

Natürlich, der Ruf nach dem "starken Mann" ist eine gruselige Übersetzung, und es ist leider zu befürchten, dass viele es wirklich so meinen, nämlich nicht nur eine willensstarke Person in verantwortlicher Position zu sehen, sondern auch administrative und verfassungsbedingte Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Trotzdem sollte man dabei nicht vergessen, dass dem ein Bedürfnis zugrundeliegt, dass immerhin darauf beruht, es mit einem gespürten Mangel an Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit zu tun zu haben.

Das Negative an solchen Bedürfnissen ist, dass die Hoffnung auf Lösung sich auf Leute fokussiert, die zwar des Willens nicht ermangeln, aber sehr wohl der Fähigkeit. Dieser Mangel ist nicht unmittelbar einsichtig. Er erfordert eine eingehende Analyse der Aussagen und Forderungen, die von einer derartigen Person kommen, und findet in vielen Fällen schlichtweg nicht statt, wenn diese Person einmal in einem subjektiv wahrgenommenen positiven Licht steht.

Evolutionär ist dieser Mechanismus sinnvoll. Man unterstützt eine Person, der man in manchen Aspekten Positives zutraut. Vielleicht ist der Punkt längst da, an dem auch negative Wahrnehmungen überwiegen würden, aber generell beruht die Durchsetzungsfähigeit auf der Unterstützung, die solche Personen haben. Die Eigenschaft, daher bereits teilweise dysfunktionale Führung über die rationale Beurteilung hinaus zu unterstützen, ist als "Loyalität" bekannt, und reicht tief in das komplexe Gewebe des menschlichen Sozialverhaltens.

Wir sind loyal, weil jede andere Strategie zu kurzfristig wäre. Ohne Hysterese (Loyalität bewirkt eine solche) wäre die Fluktuation der Unterstützung zu hoch, und könnte niemand lange genug in verantwortlicher Position bleiben, um am Ende doch noch sinnvoll Ziele zu erreichen.

Da aber Loyalität grundsätzlich ein entwicklungsgeschichtlich älterer Mechanismus ist als die rationale Auseinandersetzung, greift sie mehr oder weniger subtil in das Erkenntnis-Empfinden ein, und lässt Individuen sich das eine schön, das andere hässlich reden, und das mit reichlich Fanatismus.

Antworten

reservebuddha, 21.04. 18:35

Loyalität muss nicht lebenden Personen gelten. Sie gilt oft Aspekten des Bekannten und Begrüßten. So ist Gruppenzugehörigkeit sehr stark mit Loyalität verbunden. Die Gruppe ist eine Erweiterung der eigenen Person, und wird als "ich", die "Anderen" aber als "nicht ich" wahrgenommen.

Der Ruf nach dem "starken Mann" ist eigentlich ein Ruf nach dem Gefühl, sich zugehörig und loyal fühlen zu können, und es ist genau diese Tendenz, die bis zu einem gewissen Grad Fanatismus bis hin zur Ablehnung von Mechanismen auslöst, die dieser eigenen als "ich" erlebten Gruppe gefährlich werden könnten. Aber selbst, wenn dieses Bedürfnis nicht so weit geht, oder in Schach gehalten wird, wird bei vielen Menschen der Sog immer eine gewisse Rolle spielen.

Unreflektierte Loyalität ist die Grundlage für faschistoide Haltungen und Handlungsweisen. So wichtig also Loyalität zu sein scheint, so negativ kann sie sich im Endeffekt auswirken, nämlich genau dann, wenn sie nicht mehr angemessene Reaktion auf persönliche Beziehungen und Bindungen, sondern Ventil für das Zugehörigkeitsbedürfnis ist.

Ich sehe daraus zwei Aspekte: Erstens, dass man die Gefahr einer Loyalitätskrise nicht unterschätzen darf, die aus dem subjektiven Eindruck erfolgt, nicht mehr Teil einer selbstbestimmten Gruppe zu sein. Zweitens, dass dieser Hang zur kritiklosen Loyalität umso mehr destruktive Rolle spielt, je größer der Eindruck der Schwäche ist, den eine potentielle Kandidatin für so eine Führungsrolle vermittelt.

Menschen haben - individuell verschieden - das Bedürfnis nach der wahrgenommenen Stärke Dritter, denen sie das eigene Schicksal im Notfall anvertrauen können. Je "stärker", kompetenter und entschlossener die wirken, desto größer ist ihre Akzeptanz bei vielen Menschen, also insbesondere Gruppen, die sich "verloren" fühlen.

Was an dem Umfrageergebnis erschrecken sollte, ist nicht der Hang zu diesem Bedürfnis, das es eben in einem bestimmten Ausmaß gibt, sondern eher die Tatsache, dass es so wenig Erfüllung findet, die keiner Verfassungsänderung und keines protzigen Auftretens bedarf, sondern bloß der wahrgenommenen Stabilität und Persönlichkeit der jeweiligen Integrationsfiguren oder -Gruppen. Findet es nämlich grade ausreichend Erfüllung, was im Rahmen der Verfassung leicht möglich ist, ist die Gruppe, die aus diesem Bedürfnis in faschistoide Denkweisen abgleitet, bzw sich darin gefällt, recht schnell eine verschwindende Minderheit.

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